Von der Straße zum Helfer
Der Regen prasselt gegen das Fenster der kleinen Wohnung in Frankfurt-Sossenheim. Für Amanda und Marcel Requardt ist dieses Geräusch heute ein Luxus - früher bedeutete es Kälte, Nässe und die Suche nach einem trockenen Unterschlupf.
Eine zufällige Begegnung verändert alles
Es war eine WhatsApp-Gruppe, die ihr Leben für immer verändern sollte. 2017 lernte die damals 28-jährige Amanda den 36-jährigen Marcel kennen - wenige Wochen bevor ihre Tante sie überraschend vor die Tür setzte. "Marcel war mein Sechser im Lotto", sagt Amanda heute. "Ohne ihn würde ich hier nicht sitzen."
Die ersten beiden Nächte verbrachten sie in einer S-Bahn-Station. "Das war der einzige warme Ort, wo man Schutz hatte", erinnert sich Marcel. Was folgte, war ein Jahr auf Frankfurts Straßen - mit Zelt, Isomatte und Schlafsack als einzige Begleiter.
Überlebenstipps vom "Plattenpapa"
Marcel war bereits ein Straßenveteran, als er Amanda kennenlernte. Sieben Jahre Obdachlosigkeit hatten ihn gelehrt, wie man überlebt. Sein Mentor war ein 50-jähriger Mann, den er liebevoll seinen "Plattenpapa" nannte. Über 20 Jahre hatte dieser auf der Straße gelebt und Marcel alles beigebracht: Wo man schläft, wie man an warme Kleidung kommt, wo es Hilfe gibt.
"Der hat mich zur Seite genommen und gesagt: 'Ich gehe mit dir hier und dort hin'", erzählt Marcel. Gemeinsam reisten sie per Anhalter durchs Land - nach Kiel ans Meer, in kleine Dörfer, wo die Menschen anders mit Obdachlosen umgingen. "Die Höflichkeit war auf dem Land ganz anders. Ein Ehepaar ließ uns auf dem Hof schlafen und bereitete uns sogar ein Abendessen zu und gab uns Reiseproviant mit."
Die dunkle Seite der Straße
Doch nicht alle Begegnungen waren positiv. Amanda erlebte als Frau besondere Gefahren: "Wenn wir uns zum Betteln hingesetzt haben, gab es welche, die unseren Becher umgetreten oder uns angespuckt haben." Die ständige Angst vor Übergriffen begleitete sie. Ohne Marcel wäre sie "hilflos gewesen".
Auch die Drogen waren allgegenwärtig. "Ein Kasten Bier am Tag war normal, dazu chemische Drogen", gesteht Marcel offen. In einem Wohn-Container in Mainz machte er schließlich den kalten Entzug - mit Amanda an seiner Seite, die seine Hand hielt und ihm versicherte, dass alles gut werden würde.
Neue Mission: Anderen helfen
Seit 2021 leben die beiden in einer vom Jobcenter finanzierten Wohnung. Doch sie haben ihre Vergangenheit nicht vergessen. Jeden Mittwoch arbeiten sie ehrenamtlich im Tagesaufenthalt für wohnungslose Menschen in der Frankfurter Bärenstraße. "Ich habe durch meine Erfahrungen fast immer einen guten Kontakt zu den Leuten", sagt Marcel. Amanda ergänzt: "Es erfüllt mich, etwas zurückgeben zu können."
Ein bittersüßer Abschied
Der "Plattenpapa", der Marcel einst das Überleben lehrte, erlebte das Happy End nicht mit. Mit 60 Jahren erfror er auf der Straße. "Er wollte nicht weg von der Straße. Er brauchte seine Freiheit", sagt Marcel mit sichtlicher Trauer.
Die Sehnsucht nach Freiheit bleibt
Trotz aller Strapazen verspüren beide noch immer den Drang nach Freiheit. Nach dem Tod von Marcels pflegebedürftiger Mutter planen sie eine besondere Reise - nicht ins Hotel, sondern "gezielt auf Platte", wie Marcel lächelnd sagt. Diesmal aber freiwillig, als Abenteuer statt aus Not.
Ihre Geschichte zeigt: Manchmal führen die dunkelsten Momente zu den hellsten Wendungen - und die stärksten Partnerschaften entstehen in den schwierigsten Zeiten.